Der Juli ist unser sportlichster Behandlungsmonat. Nicht, weil die Rostocker:innen im Sommer verletzungsanfälliger wären — sondern weil sie schlicht so viel machen: morgens laufen, nachmittags rauf aufs Rad, am Wochenende Volleyball am Strand und zwischendurch das erste Mal seit Jahren wieder auf dem SUP-Board. Jede dieser Aktivitäten ist für sich gesund. In der Summe — und ohne Vorbereitung — überfordern sie ein bestimmtes Gewebe zuverlässig: die Sehnen.
Warum ausgerechnet Sehnen?
Muskeln passen sich schnell an — nach zwei, drei Wochen Training spürt man den Fortschritt. Sehnen sind deutlich langsamer: Ihr Stoffwechsel ist träge, ihr Umbau dauert Monate. Genau da liegt die Sommerfalle: Die Muskulatur fühlt sich nach ein paar Wochen stark an und signalisiert „mehr geht" — die Sehnen sind aber noch auf dem Stand von Mai.
Dazu kommt: Sehnen mögen Regelmäßigkeit und hassen Spitzen. Drei moderate Läufe pro Woche verkraften sie gut. Zwei Wochen nichts und dann ein Volleyballturnier bei 28 Grad — das ist die klassische Vorgeschichte, die wir im Anamnesegespräch hören.
Die häufigsten Sommer-Diagnosen bei uns
- Achillessehnen-Reizung — bei Läufer:innen, die Umfang oder Tempo zu schnell steigern, oft kombiniert mit flachen Sommerschuhen und Barfußlaufen im Sand
- Läuferknie & Patellaspitzensyndrom — Knieschmerz nach längeren Läufen oder vielen Sprüngen beim Beachvolleyball
- Schulterüberlastung — Aufschläge, Paddelzüge beim SUP, Kraulschwimmen: Überkopf- und Zugbelastungen, an die die Rotatorenmanschette nicht gewöhnt ist
- Plantarfasziitis — Fersenschmerz nach Wochen in Flip-Flops und barfuß auf hartem Boden
Die drei Regeln für einen verletzungsfreien Sommer
1. Steigern Sie eine Sache — nicht drei
Der Körper verkraftet neue Reize gut, wenn sie einzeln kommen. Wer diese Woche länger läuft, sollte nicht gleichzeitig schneller laufen und ein neues Sportgerät ausprobieren. Unsere Faustregel: pro Woche nur eine Stellschraube verändern — Umfang oder Intensität oder eine neue Sportart, nie alles zusammen.
2. Behalten Sie einen Ruhetag-Rhythmus
Sehnen erholen sich in der Pause, nicht in der Belastung. Zwei aufeinanderfolgende intensive Tage sind okay — danach braucht das Gewebe einen ruhigen Tag. „Ruhig" heißt nicht Sofa: Spazieren, lockeres Schwimmen oder Mobilisieren sind ideal, weil moderate Bewegung die Sehnendurchblutung fördert.
3. Wärmen Sie auf — besonders bei Stop-and-Go-Sport
Beachvolleyball, Tennis, Fußball im Park: Sportarten mit Sprints, Sprüngen und abrupten Richtungswechseln sind für kalte Sehnen am riskantesten. Fünf Minuten reichen — zügiges Gehen oder lockeres Traben, Armkreisen, ein paar Ausfallschritte und wenige lockere Sprünge, bevor es ernst wird.
Hitze, Flüssigkeit und der Faktor Sand
Zwei Sommer-Besonderheiten, die oft unterschätzt werden:
- Dehydrierung macht Gewebe verletzungsanfälliger und lässt die Muskulatur schneller ermüden — ermüdete Muskeln schützen die Gelenke schlechter. Vor dem Sport trinken, nicht erst danach
- Sand ist Segen und Falle zugleich: Er dämpft Sprünge, verlangt aber von Achillessehne und Wadenmuskulatur ein Vielfaches an Arbeit. Wer sandungewohnt ist: kürzere Einheiten, und die Wade in den Tagen danach beobachten
Wenn es doch passiert ist: erst einordnen, dann handeln
Nicht jeder Belastungsschmerz ist ein Fall für die Praxis. Ein Muskelkater nach dem ersten Turnier ist normal und in zwei, drei Tagen weg. Kommen Sie zu uns, wenn:
- der Schmerz über eine Woche bleibt oder bei jeder Belastung wiederkehrt
- eine Sehne morgens steif und druckempfindlich ist (Achillessehne, Ferse, Kniescheibenspitze)
- die Schulter bei Überkopfbewegungen zuverlässig schmerzt
- Sie eine Schwellung oder ein Instabilitätsgefühl im Gelenk bemerken
Sehnenreizungen behandeln wir mit einer Kombination aus manueller Therapie, gezielter Belastungssteuerung und einem aufbauenden Übungsprogramm — denn die wichtigste „Medizin" für eine gereizte Sehne ist die richtig dosierte Belastung, nicht die komplette Pause. Wer zu lange ganz pausiert, fängt beim Wiedereinstieg oft von vorn an.
Der Sommer ist zum Bewegen da
Nichts an diesem Artikel soll vom Sport abhalten — im Gegenteil. Ostsee, Warnow, Rostocker Heide: Wer hier lebt, hat die beste Outdoor-Saison Deutschlands direkt vor der Tür. Mit etwas Belastungsgefühl und den drei Regeln oben tragen Ihre Sehnen Sie durch den ganzen Sommer. Und falls doch etwas zwickt: Kommen Sie lieber eine Woche zu früh als drei Monate zu spät.


